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Abschied von Alexander Kluge

Am 25. März verstarb mit Alexander Kluge der große assoziative Chronist der Bundesrepublik. Mit einer mehrwöchigen Filmreihe wollen wir sein filmisches Werk würdigen

Der große Assoziartist – Abschied von Alexander Kluge

Das, was Alexander Kluge bis zu seinem 30. Lebensjahr erlebte und tat, bevor er zum  einem einflussreichen Autor und prägenden Filmemacher und Chronisten der Bundesrepublik wurde, hätte in anderen Fällen für ein ganzes Leben gereicht, ohne dass es  ein langweiliges gewesen wäre. 13-jährig überlebte er knapp die alliierten Luftangriffe auf Halberstadt, studierte in Frankfurt unter anderem bei Theodor W. Adorno, der ihn 1958 an Artur Brauners CCC und ans Set von Fritz Langs DER TIGER VON ESCHNAPUR vermittelte.

Parallel schloss er sein Jurastudium ab, ließ sich in München als Rechtsanwalt nieder und war einer der Initiatoren des Oberhausener Manifests, das die Erneuerung des deutschen Films einforderte. Damit machte Kluge ab 1966 in seinem Debüt ABSCHIED VON GESTERN ernst und wurde zu einem wichtigen Repräsentanten des neuen Deutschen Films. Zuvor war er – wenn überrascht es? – auch Mitglied der Gruppe 47 und verstand sich bis zuletzt primär als literarischer Autor, nicht in erster Linie als Filmemacher.

Vielleicht war es diese Sicht auf die filmische Praxis, die zu einer prägenden Konstante in seinem Schaffen beitrug: die Kollaboration. Das Gros von Kluges Filmen hat mehr als eine*n Autor*in: Edgar Reitz, Maximiliane Mainka, Volker Schlöndorf, Stefan Aust und Rainer Werner Fassbinder gehörten zu seinen Kooperationspartner*innen in den 1970er und 1980er Jahren. 

In diesen 80er Jahren öffnete nach Literatur und Kino ein weiterer medialer Raum vorsichtig seine Türen und Alexander Kluge war zu stelle, um auch dort – im entstehenden Privatfernsehen - prägend zu wirken. Mit seiner Produktionsfirma dctp kaperte der examinierte Jurist mittels eines Passus im Rundfunkstaatsvertrages die Nachtprogramme von RTL, SAT.1 sowie VOX und das Fernsehen mit dem, „was außerhalb des Fernsehens stattfindet“.

 

Einer Generation von mitternächtlichen Fernsehzuschauer*innen ist Kluges – immer etwas atemlose – Stimme aus dem Off ins Gedächtnis gebrannt. Seine Fragen an Peter Sloterdijk, Hannelore Hoger, Christoph Schlingensief und viele mehr brachten diese oft genug ins Schleudern, bevor er sie mit auf die Reise seiner schier unbegrenzten Assoziationsketten nahm. Zu besonderer assoziativer Hochform lief er aber in den improvisierten Fake-Interviews mit Peter Berling (unter anderem als Kapitän der gesunkenen Fähre Estonia) oder Helge Schneider (Hitlers einziger Großneffe) und Hannelore Hoger (Fürstin Myschkina) auf.

Und in eben diesen spätnächtlichen Formaten hörte Kluge von seinem prägenden Kollaborations- und Assoziationspartner der letzten Jahre: dem philippinischen Musiker, Künstler und Filmemacher Khavn. Aus ihren gemeinsamen Assoziationen entstanden die beiden filmischen Collagen HAPPY LAMENTO und ORPHEA. Noch 2025 veröffentliche Kluge mit PRIMITIVE DIVERSITY und UTOPIE DER OPER / HETEROTOPIE DER OPER seine letzten beiden Filme, bevor er am 25. März 2026 verstarb.

 

Das nestkino will an den großen Assoziartisten erinnern und zeigt in den kommenden Wochen an zwei Abenden Filme aus seinem Werk. Den Anfang machen sein Debüt ABSCHIED VON GESTERN (1966) am 18.4. und  22.4. sowie DIE MACHT DER GEFÜHLE (1983) am 25.4. und 29.4. Im Mai folgen die Arbeiten aus dem Spätwerk.

 

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